Klinischer Begriff
Bandscheibenvorfall
Der Bandscheibenvorfall ist die lokalisierte Verlagerung eines Teils der Bandscheibe, meist des Kerns, durch einen Riss im Faserring. Er kann eine Nervenwurzel reizen oder komprimieren, ist aber auch häufig schmerzlos.
Wissenschaftliche Grundlage
Die Bandscheibe besteht aus einem gallertartigen zentralen Kern (Nucleus pulposus), der von einem Faserring (Anulus fibrosus) umgeben ist. Reißt der Ring ein, kann ein Teil des Kerns lokalisiert austreten – im Unterschied zur Protrusion, die einer diffuseren Vorwölbung entspricht.
Im Lendenbereich betreffen Bandscheibenvorfälle vor allem die Segmente L4-L5 und L5-S1. Sie können eine Lumboradikulalgie verursachen: eine Ischialgie oder, seltener, eine Cruralgie.
Bandscheibenveränderungen sind bei Menschen ohne Schmerzen häufig. Insbesondere Bandscheibenprotrusionen werden bei einem großen Anteil asymptomatischer Personen beobachtet, und ihr Nachweis in der Bildgebung reicht nicht aus, um einen Schmerz zu erklären. Viele Bandscheibenvorfälle bilden sich mit der Zeit spontan zurück.
Lesart Blue Portance / SBNFA™
Das SBNFA™ unterscheidet zwischen der in der Bildgebung sichtbaren Veränderung und der Art, wie sich das System um sie herum organisiert. Derselbe Bandscheibenvorfall kann bei einer Person stumm und bei einer anderen schmerzhaft sein, unter anderem abhängig von der Reizung der Nervenwurzel, der lokalen Entzündung, der Empfindlichkeit des Nervensystems und den mechanischen Kompensationen.
Genau diese Organisation um die Läsion herum – und die noch verfügbaren Anpassungsmöglichkeiten – fügt das SBNFA™ der Lektüre des Bildes hinzu.
Beitrag zur Analyse des Sitzens
Bei einer Person mit Bandscheibenvorfall kann längeres Sitzen mehr oder weniger gut vertragen werden. Die Beobachtung der Haltedauer, der Ausrichtung des Beckens und der Möglichkeiten, die Auflagepunkte zu variieren, kann diese Toleranz beleuchten, ohne die ärztliche Diagnose zu ersetzen.
Abzugrenzen von
Bandscheibenprotrusion, globale und diffuse Vorwölbung; Diskopathie, allgemeinere Veränderung der Bandscheibe; Ischialgie und Cruralgie, die Schmerzen und keine Läsionen bezeichnen.
Verwandte Begriffe
Femoralisneuralgie (Cruralgie) · Diskopathie · Bandscheibe · Ischias
Quellen und Tragweite
- Fardon et al. (2014): Nomenklatur der lumbalen Bandscheibenerkrankungen, Version 2.0
- Jensen et al. (1994): MRT der Lendenwirbelsäule bei Menschen ohne Schmerzen (NEJM)
- Brinjikji et al. (2015): Zeichen degenerativer Wirbelsäulenveränderungen bei asymptomatischen Personen
- Französische Gesellschaft für Rheumatologie: Bandscheibenvorfall und Lumboradikulalgie
Anatomie und Bildgebungsdaten sind etabliert. Bei neurologischen Zeichen (Kraftverlust, Störungen der Schließmuskelfunktion, Reithosenanästhesie) ist eine dringende ärztliche Abklärung erforderlich.
Weiterführende Inhalte
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